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26.02.2021

GC SCHIRI ARTHUR BRUNNER AN DER WM IN ÄGYPTEN

Arthur Brunner (30), promovierter Jurist, GC Handball-Nachwuchstrainer und internationaler Schiedsrichter leitete bereits als 18-Jähriger sein erstes NLA Spiel. Anschliessend gab's für seine Schiri-Karriere nur einen Weg – nach oben. Im Januar absolvierte er in Ägypten, zusammen mit seinem kongenialen Partner Morad Salah, den bisher dritten Einsatz an Weltmeisterschaften. Das nächste grosse Ziel ist, bei Olympischen Spielen als Unparteiische eingesetzt zu werden. Wie er die Belastung Beruf und Sport meistert, erzählt er im GC INSIDER-Interview – und noch vieles mehr.

GC INSIDER: Wann erfuhren Sie, zur WM in Ägypten als Unparteiischer aufgeboten zu werden?

Dr. Arthur Brunner: Dieses Mal recht kurzfristig. Üblicherweise wird rund sechs Monate vor der WM nominiert, auch, weil dann etwa drei Monate vor dem Anlass noch ein Vorbereitungsseminar stattfindet. Dieses Mal fiel das jedoch coronabedingt aus, und auch die Nominationen sind erst Ende Oktober gekommen.

Die wievielte WM war es für Sie?
Das war nach Frankreich (2017) und Deutschland-Dänemark (2019) die dritte Weltmeisterschaft.

Wie haben Sie sich auf diesen Grossanlass vorbereitet?
Spezifisch für die WM hat die Vorbereitung Anfang November begonnen. Wir hatten einmal wöchentlich ein zweistündiges Zoom-Meeting, bei dem wir mittels Videopräsentationen auf eine "gemeinsame Linie eingeschworen" wurden. Parallel dazu mussten wir wöchentlich drei bis vier Trainingseinheiten absolvieren, die wir mittels Polar-Uhr aufzeichnen und den Weltverbands-Verantwortlichen per App übermitteln mussten. Sodann sind wir am 10. Januar 2021 nach Ägypten gereist und hatten dann in Kairo - allerdings auch per Zoom - drei weitere Vorbereitungstage.

Welche Vorkehrungen waren bezüglich Corona notwendig?

Vor der Abreise mussten wir uns in eine fünftägige Quarantäne begeben und zwei PCR-Tests machen. In Kairo wurden wir unmittelbar nach der Ankunft doppelt getestet (Schnelltest und PCR-Test), und während der ganzen WM mussten wir täglich PCR-Tests machen. Zudem durften wir unsere Zimmer grundsätzlich nur für die Mahlzeiten und unsere eigenen Spiele verlassen, und während der Mahlzeiten mussten wir alleine am Tisch sitzen.

Wie haben Sie sich in Ägypten gefühlt? Fand dieser Aufenthalt tatsächlich in einer „Blase“ statt? Fühlten Sie sich jederzeit sicher?

Wir haben uns grundsätzlich sicher gefühlt, allerdings war es mit der Zeit doch anstrengend, 23 von 24 Stunden pro Tag im Hotelzimmer verbringen zu müssen, und keinen direkten Kontakt mit den Schiedsrichterkollegen pflegen zu dürfen. Nachdem wir anfangs immerhin noch draussen trainieren durften, wurden in der zweiten Hälfte des Turniers auch die täglichen "Auflockerungs-Trainings" ins Hotelzimmer verschoben.

Wieviele Einsätze bestritten Sie am Nil?
Insgesamt sechs (DEN-BHR, SWE-CHI, DEN-CGO, AUT-MAR, BRA-HUN, AUT-CHI).

WM-Spiele ziehen in der Regel tausende von Zuschauern an. Dieses Jahr aber musste vor leeren Rängen gespielt werden. Wie beeinflusste diese Situation Ihre Schiedsrichterei?
Grundsätzlich waren die leeren Hallen nach unseren Erfahrungen in den letzten Monaten nichts Neues. Allerdings ist es dann doch nochmals spezieller, in Hallen mit 17'000 Zuschauersitzen zu pfeifen, die völlig leer sind. Es fällt in einem solchen Umfeld manchmal schwerer, Einflüsse von aussen "auszufiltern", man hört jedes Wort, nimmt jede Bewegung am Spielfeldrand war. Ich freue mich insofern sehr, wenn dann wieder Zuschauer an Handballspielen erlaubt sind.

Mussten Sie besondere Probleme meistern?
An sich - abgesehen von der speziellen Hallensituation - keine besonderen Probleme. Herausfordernd war, dass wir zwei Mal in diesem Turnier an drei aufeinanderfolgenden Tagen im Einsatz standen. Insbesondere mental ist es bei einem solchen Rhythmus nicht immer einfach, das geforderte Top-Niveau zu erreichen.

Welche Partie war die sportlich beste und welche forderte Sie in besonderem Mass?
Das war sicher Ungarn-Brasilien - ein Hauptrundenspiel, in dem es für Brasilien um alles ging.

Wo würden Sie Ihre Leistungen auf einer Skala von 0 bis 10 einordnen?
Abgesehen vom letzten Spiel (AUT-CHI) waren wir mit unseren Leistungen sehr zufrieden, ich würde sagen 8. Im Spiel AUT-CHI waren wir etwas erschöpft und haben nie richtig ins Spiel gefunden (es war das dritte Spiel innert drei Tagen). Schade, dass unser Turnier mit diesem Spiel zu Ende ging.

Sie arbeiten seit Beginn der Schiedsrichterei bis heute mit Morad Salah zusammen. Zur Pfeife haben sie beide gegriffen, weil Sie als Aktive beim SV Fides St. Gallen zum Schluss kamen, besser pfeifen zu können als damalige Spielleiter. Sie haben‘s bewiesen. Mit 18 leiteten Sie das erste NLA-Spiel, mit 21 ein Entscheidungsspiel im Playoff-Final. 2012 wurden Sie zu EHF- und wenig später zu IHF-Schiedsrichter befördert. Es folgten Länderspiele, Europa- und Weltmeisterschaften. Sie leiteten u.a. auch Spiele an der Jugend-Olympiade in chinesischen Nanjing, aber Ihr Ziel, eine „grosse“ Olympiade zu bestreiten, blieb Ihnen bisher versagt. 2020 wurde verschoben, klappt‘s dieses Jahr?
Ob es schon 2021 klappen wird bleibt abzuwarten. Unser Ziel ist aber nach wie vor, einmal an Olympischen Spielen teilzunehmen. Wenn nicht dieses Jahr, dann spätestens 2024 in Paris.

Was hat das Duo Brunner/Salah und was haben Ihre Vorgänger, deren Leistungen Sie als Aktiver kritisierten, nicht?
Ich denke, wir haben einen sehr kommunikativen Umgang mit den Spielerinnen und Spielern. Zudem beschäftigen wir uns beide auch neben der Schiedsrichterei sehr intensiv mit dem Handballsport, was auch Trainer und Spieler in der Schweiz wahrnehmen. Kombiniert führt dies einfach zu einer sehr hohen Akzeptanz.

Als wir 2016 im GC INSIDER unter dem Titel „GC SCHIRI AUF DEM WEG NACH OBEN“ über Sie berichteten, schrieben Sie nach dem Studium in Rechtswissenschaften an der Uni Zürich Ihre Doktorarbeit und waren als Gerichtsschreiber am Bundesverwaltungsgericht in St. Gallen tätig. Wie sieht Ihre berufliche Situation heute aus?
Meine Doktorarbeit ist abgeschlossen, das Anwaltspatent habe ich auch absolviert. Mittlerweile arbeite ich als Gerichtsschreiber in der II. öffentlich-rechtlichen Abteilung des Bundesgerichts (Lausanne) und bin zudem nebenamtlicher Richter am Verwaltungsgericht des Kantons Zürich.

Neben der beruflichen Tätigkeit sind Sie Trainer im Nachwuchsbereich des Grasshopper Club, sowie nationaler und internationaler Schiedsrichter. Wie schaffen Sie das, vor allem auch, weil Sie zum Beispiel Ihre Ferien grossmehrheitlich für die Schiedsrichterei einsetzen, ein richtiges Ausspannen eigentlich nicht möglich ist?
Tatsächlich ist die Belastung mittlerweile sehr gross; einen Grossteil meiner Ferien und meiner Freizeit muss ich für den Handball einsetzen, gleichzeitig erhalten wir nur sehr geringfügige Aufwandsentschädigungen für die Schiedsrichtertätigkeit. Es liegt in dieser Hinsicht an den internationalen und den nationalen Verbänden, für ihre Spitzenschiedsrichter ein Umfeld zu schaffen, das es erlaubt, Job, Familie und Handball unter einen Hut zu bringen. Die Trainertätigkeit bei GC sehe ich mehr als Hobby: Sie erlaubt mir nach den langen Tagen im Büro ab und zu, den Kopf "Unbefangenerem" zuzuwenden; ich geniesse die Zeit mit den Jungs in der Halle sehr.

Olympia ist Ihr grosses Ziel. Wenn Sie dieses erreicht haben sollten, was dann? Sie sind noch sehr jung, können also noch viele Jahre als Unparteiischer im Einsatz stehen. Haben Sie nach wie vor die Motivation dazu?
ich werde dieses Jahr 30 Jahre alt. Theoretisch könnten wir also noch 20 Jahre pfeifen (die Alterslimite international liegt bei 50). Dass wir wirklich noch 20 Jahre weiter pfeifen, glaube ich allerdings nicht. Generell lässt sich sagen, dass die meisten Schiedsrichter im Handball ihre höchste Performance im Alter zwischen 35 und 45 Jahren erreichen. Unser Ziel ist, dass wir in den nächsten Jahren von der Spitze in die "Top-Spitze" vorstossen, und - sowohl auf europäischer Ebene, als auch im Weltverband - für Halbfinals und Finals berücksichtigt werden. Ans Aufhören denken wir deshalb noch nicht.

Interview: Eugen Desiderato