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26.02.2021

VON 0 auf 6'961 METER ÜBER MEER?

Wir erinnern uns - vor rund einem Jahr konnte der Grasshopper-Ruderer Florian Ramp im Ruderboot die knapp 60 Tage dauernde Atlantik-Überquerung von den Kanaren bis Antigua erfolgreich beenden. Welche Ereignisse haben sich in seinem Gedächtnis eingeprägt, wie schaffte er den Wiedereinstieg auf dem Festland, plant er noch weitere sportliche Herausforderungen? GC INSIDER hat mit dem Extremsportler gesprochen.

Sportler neigen dazu, sich immer grösseren Herausforderungen zu stellen. Sie wollen an ihre persönliche physische oder psychische Leistungsgrenze herantasten oder etwas tun, was so noch wenige oder gar noch niemand getan hat. Dabei sind in der Regel Extremsportler keine waghalsigen Draufgänger, sondern Spitzensportler mit Ehrgeiz und einem starken Leistungswillen. Sie reduzieren das Risiko ihrer Projekte durch eine gute Vorbereitung hinsichtlich Training, Ausrüstung, Teamzusammenstellung, Ernährung, medizinischer Ausstattung, Wetter- und Geländeerkundung, Navigationstechnik, Notfallmanagement, Rettungsarrangements und anderem.  

GC INSIDER: Einer grossen sportlichen und mentalen Herausforderung, der Talisker Whisky Atlantic Challenge 2019 (im Ruderboot von La Gomera auf den Kanarischen Inseln bis zum 4'800 Kilometer entfernten Ziel Antigua in der Karibik) stellten sich auch die beiden Grasshopper Ruderkollegen Florian Ramp und Dominic Schaub. Nachdem Letzterer leider zehn Tage nach dem Start wegen anhaltender starker Seekrankheit aufgeben musste, ruderte Florian Ramp solo weiter und überquerte am 10. Februar des letzten Jahres nach insgesamt 59 Tagen, 22 Stunden und 9 Minuten in Antigua die Ziellinie. Wie beurteilt er die Leistung im Abstand von einem Jahr?
 
Florian Ramp: Ich bin stolz und froh, dass ich die Challenge trotz schwierigen Umständen durchgezogen habe. Hin und wieder kann ich es noch immer kaum fassen, in einem Ruderboot den Atlantik überquert zu haben.
 
Von welchen Eindrücken träumst Du ab und zu noch heute?
 
Ich träume weniger von der Überquerung, sondern es kommen immer wieder Erinnerungen hoch, wenn ich Fotos von diesem Abenteuer sehe, oder bei einzelnen Musikstücken die mich während der Strapazen auf dem Wasser begleitet und bei Laune gehalten haben, oder wenn mein Sohn mich danach fragt. Dann habe ich immer mal wieder „Flashbacks“.

Hat Dich Deine Leistung vor einem Jahr nachhaltig verändert?
 
Ich ziehe im Alltag immer wieder Analogien zur Überquerung – speziell in schwierigen respektive unsicheren Situationen. "Locker und fokussiert bleiben – auch wenn für die nächsten 24 Stunden ein Sturm angesagt war“ – beispielsweise. Mein Urvertrauen in meine eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten wurde gestärkt. Ich hätte es ja nie für möglich gehalten, dass ich so viele Nächte alleine auf dem Atlantik überstehe, geschweige denn, dass ich alleine so viele handwerkliche Herausforderungen überwinden konnte.
 
Ist Dir der Wiedereinstieg ins Berufsleben gelungen? Womit beschäftigst Du Dich heute?
 
Ein Jahr nach der Rückkehr kann ich sagen, dass mir der Wiedereinstieg geglückt ist. Erfahrungsgemäss fallen viele Teilnehmer cirka zwei Monate nach der Überquerung in ein tiefes Loch und habe eine Sinnkrise zu bewältigen. Nicht so bei mir.
Noch in der Karibik bin ich auf ein spannendes Schweizer KMU gestossen, welches ich im Anschluss übernommen habe. Wir verleihen und vermitteln qualifiziertes Pflegepersonal an Spitäler, Pflegeheime und die Spitex, wie auch an private Haushalte. Bei Übernahme im letzten April zählten wir 30 Mitarbeiter, mittlerweile beschäftigen wir bereits über 65 und wir haben Pläne, dieses Jahr auf mehr als 100 Mitarbeiter aufzustocken. Neben einem spannenden Verwatungsrats-Mandat im Finanzbereich betreibe ich noch eine Handelsfirma. Ausserdem unterstütze ich die Sport-Crowdfunding Plattform "I believe in you" im B2B Geschäft.
 
Wie oft hat man Dich nach der Atlantik-Überquerung im Ruderboot angetroffen?

Ganz ehrlich, viel zu wenig. Immerhin sass ich einige Male im Achter, zusammen mit meinen langjährigen GC Freunden.
 
Planst Du noch weitere sportliche extreme Herausforderungen oder ist diesbezüglich Dein Bedarf gestillt?
 
Ein weitere Abenteuer-Projekt, weit weg vom Wasser, die Besteigung des höchsten Berges ausserhalb Asiens, den in den Anden (Argentinien) gelegene, 6961 m hohen Cerro Aconcagua. wurde aufgrund von COVID um ein Jahr verschoben – aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Ich denke mein Abenteuerhunger bleibt schon noch ein bisschen bestehen.
 
Was ging Dir durch den Kopf, als der deutsche Segler Boris Herrmann nach 80 Tagen Non-stop-Segeln bei der Regatta Vendée Globe 90 Seemeilen vor dem Ziel ,mit dem zweiten Schlussrang im Blick, mit einem Fischkutter zusammenstiess? Glücklicherweise blieb er unverletzt und erreichte mit reduzierter Pace doch noch das Ziel - als Fünfter.
 
Das ist mir sehr eingefahren, speziell weil ich in einer ähnlichen Situation war. Es hat so getönt, als hätte sein AIS, das von der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation (IMO) als verbindlicher Standard angenommene Funkgerät, ein automatisches Identifikations-System, nicht Alarm geschlagen hat. Ich musste eine ähnliche Erfahrung machen, als ich in einer Nacht zwei „Katzenaugen“ bedrohlich auf mich zukommen sah und nur dank einer starken Backboard-Korrektur ein drohendes Unglück abwenden konnte. Auch ich habe den Tanker nie auf dem Radar gesehen und auch mein AIS hatte nicht angeschlagen. Der Diesel-Gestank hing mir noch lange in der Nase und hat mich noch lange erinnert, wie viel Glück ich gehabt habe...

Interview: Eugen Desiderato